Überfallartiger Sturm an Gewitterfront!

Ein Wenig verstehe ich von Meteorologie, und so war mir klar, daß es an diesem Pfingstsonntag 2003 nicht nur zwischen Köln und Düsseldorf zu gefährlichem Wetter kommen mußte. Ich hatte sogar eine Warnung an die Organisatoren der "Rheinwoche" geschickt, bei der jedes Jahr zu Pfingsten unzählige Segelboote von Oberwinter nach Duisburg fahren.

Die Entwicklung war deshalb so gefährlich, weil sich schwülheiße Luft über uns befand (bei Köln wurden sogar 33°C erreicht, sehr viel für Anfang Juni!), sich in dieser Luftmasse eine Zone mit schweren Gewittern gebildet hatte, die bereits über Holland, Belgien und Nordfrankreich tobten, und auf diese Gewitterzone eine Kaltfront zusteuerte, die sich mit fast 60 Kilometern pro Stunde von West nach Ost bewegte. Es gibt kaum eine Situation, die schlimme Gewitter im Rheinland noch wahrscheinlicher macht!

Aber am Mittag zwischen 12 und halb eins schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Ich saß mit meiner Tochter am Rheinufer, und wir genossen den lebhaften heißen Sommerwind am Wasser, der so viel erträglicher war, als die stickige und unbewegte Luft, die wir in letzter Zeit häufig ertragen mußten.

Am Himmel tat sich allerdings schon eine Menge: Ringsherum türmten sich mächtige Wolken auf, und zwar in sehr unterschiedlicher Größe, Form und Farbe. Dies ist immer ein Hinweis auf enorme Konvektion, also das Auf- und Abbewegen von Luft. Dort oben mußte es wirklich sehr turbulent zugehen!

    

Gibt es lediglich über dem Bergischen Land große Quellwolken und es weht ein kräftiger, meist kühlerer, Wind, kann man davon ausgehen, daß sich die Gewitter östlich von uns austoben werden und am Rhein nichts passiert. Heute aber gab es diese "Haufenwolken" überall, und der weiter zunehmende Wind war sehr warm. Ein Zeichen dafür, daß wir aus der Wetterküche noch etwas zu erwarten hatten, zumal sich linksrheinisch der Himmel immer mehr verdunkelte.

    

Noch hatte die Situation etwas "bedrohlich-gemütliches". Meine Tochter aber zog es vor, sich schon mal zum Auto zu begeben. Sie hatte einfach keine Lust, zu rennen, falls doch alles sehr schnell gehen sollte. Ich kalkulierte, daß ich noch ungefähr eine Viertelstunde sitzen bleiben und dann gemütlich nachkommen könnte. Welch ein Irrtum! Bereits fünf Minuten später kam gewaltige Bewegung in die Front! Auf der anderen Rheinseite wurde mächtig Staub aufgewirbelt, und es kam etwas plötzlich auf mich zugerast, das mich veranlasste, ohne groß nachzudenken zum Auto zu sprinten. Unterwegs rief ich gemütlich auf der Wiese Liegenden zu: "Bringt Euch in Sicherheit, schnell! Das ist gefährlich!". Die überraschten Freizeitler blickten zum Rhein und rannten dann ebenfalls los.

Wenige Schritte vor dem Auto wurde ich von ungeheuer starkem Wind gepackt und hatte erhebliche Mühe, mich auf den Beinen zu halten! Das bin ich, zwei Meter groß und 120 Kg schwer, nun wirklich nicht gewohnt, und es hat mich ganz schön erschrocken! Und dann passierte das Unglaubliche: Mir wurde die Brille von der Nase gerissen und flog in hohem Bogen weit weit davon! Das ging so ruckartig, daß ich überhaupt keine Chance hatte, zu reagieren!

Zu Hause angekommen, beschäftigte mich die Frage, was da eigentlich genau geschehen war. Durch Wetterexperten erfuhr ich, daß in meiner Gegend Windböen von fast 100 Stundenkilometern gemessen worden waren, aber das reichte als Erklärung auf gar keinen Fall aus! Ich habe einmal einen ausgewachsenen Orkan auf dem Rheindeich erlebt, wo der Wind wegen der Erhebung noch deutlich verstärkt ist, und die Böen von bis zu 150 Km/h habe ich in etwa genauso empfunden, wie die an diesem achten Juni, nur das letztere sehr plötzlich auftraten, während ein Orkan ja über Stunden weht.

Aber sollten bei uns "ganz normale" Orkanböen dieser Front in so extremer Größenordnung gelegen haben, während nicht weit von hier, in Grevenbroich, eine maximale Böe von 96 Km/h gemessen wurde? Auszuschließen ist das zwar nicht, aber doch sehr unwahrscheinlich. Hinter der erschreckenden Gewalt des Sturmes mußte etwas anderes stecken, als gewöhnliche Böen. Was, offenbarte sich durch Schilderungen meiner Tochter, die alles vom Auto aus beobachtet und richtig Angst um mich bekommen hatte, und aus der Analyse von Bildmaterial: Es handelte sich offensichtlich um einen "Gustnado", eine Mischung aus einer Sturmfront an der Vorderseite eines Gewitters und einem Tornado! Tatsächlich sieht man auf dem Foto links eine Staubsäule über dem runden Baum in der Mitte. Das Foto rechts zeigt aufspritzendes Wasser genau an einer Stelle. Hinter den Bäumen sieht man auf breiter Front durch orkanartige Böen aufgewirbelten Staub.

    

Es war also ein lokal extrem heftiges Ereignis. Als wir zu Hause ankamen, ca. 5 Kilometer entfernt, wollte man uns kaum glauben, denn dort war es beinahe ruhig. Daß es sich um einen Wirbel gehandelt haben muß, zeigte sich am nächsten Morgen: Bei einem Spaziergang in wunderbar frischer Luft glotze mich meine von der Sonne angestrahlte Brille an! Sie hing in ungefähr drei Metern Höhe im Geäst eines Baumes, war also nach oben gezogen worden! Sie war unversehrt. So gab es wenigstens einen Trost für dieses doch recht schockierende Erlebnis, auf das man durchaus verzichten könnte!

Armin Opherden, Monheim am Rhein, 8. Juni 2003

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