Ein ungewöhnlich schwerer Orkan zieht über Niedersachsen

Wir schreiben das Jahr 1972. Ich war damals 12 Jahre alt und ging zur Schule in Bremen-Grohn. Als ich morgens um 08:00 los ging, war es sehr mild, und es regnete stark. Der Wind war sehr stürmisch.

Wir gingen in unser Klassenzimmer und begannen mit dem Unterricht, ganz normal. Ich schaute während des Unterrichts immer mal wieder aus dem Fenster, um zu sehen, was draußen so los ist. Statt heller zu werden, wurde es immer dunkler. Dann, kurz vor der großen Pause, um 09:30, gingen die Sirenen auf dem Schulgebäude los. Wir alle in der Klasse waren geschockt und hatten keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Dann, nur zwei Minuten später, kam der Schulleiter in den Klassenraum gerannt und sagte, wir müßten die Schule sofort verlassen, was wir dann auch schnellstens machten.

Kaum draußen angekommen (wir sollten in die Turnhalle gehen), brach das Inferno los: Vor unseren Augen wurde eine Frau mitsamt ihrem Fahrrad von der ersten Orkanböe erfasst und in die gegenüber liegende Schaufensterscheibe des Edeka-Marktes geschleudert. Uns allen stockte der Atem. Was sich jetzt innerhalb der nächsten Stunden abspielte, hat sich so in mein Gedächtnis eingeschweißt, daß ich es bis heute nicht vergessen kann. Wir rannten um unser Leben. Zur Turnhalle waren es ca. 100m. Unser Lehrer schrie nur immer wieder: "Haltet euren Tornister auf dem Kopf und rennt!". Ganze Dachteile von der Schule wurden währenddessen abgedeckt und stürzten auf den Schulhof. Ein Schulfreund von mir wurde leicht verletzt. Es war ein Lärm draußen, so etwas habe ich noch nicht gehört! Die dicken Bäume an unserer Schule bogen sich wie Spielzeug, einige brachen einfach ab.

Dann, um 10:30 wurden wir, als es sich etwas beruhigt hatte, alle nach Hause geschickt. Ich ging mit meinem Schulfreund noch ein wenig durch die Straßen, um noch einige Eindrücke einzufangen. Es sah aus, als hätte ein Bombenangiff stattgefunden. Überall lagen ganze Dächer in den Gärten und auf den Straßen. Überall lagen Bäume,Glasscherben und zertrümmerte Autos. Bei der Lürssenwerft in Vegesack wurde das ganze Hallendach mit der Größe eines Fußballfeldes abgedeckt.

Damit nicht genug: Als ich nach Hause kam (ich wohnte damals in einem noch im Bau befindlichen Hochhauskomplex in Bremen-Grohn), kam der nächste Schock: Als ich die Haustür aufschloss, lagen in der ganzen Wohnung Glassplitter rum. Als ich dann in mein Zimmer kam, lief es mir kalt den Rücken runter! Und ich sagte zu mir selbst: "Hätte ich heute Morgen verschlafen, wäre ich jetzt nicht mehr am Leben!". Vom Nachbargebäude war ein zwei Meter großes Gerüstteil durch das Fenster geschlagen und lag direkt in meinem Bett! Ich glaube, auch Euch wäre in diesem Moment der Appetit auf das Mittagessen vergangen, wenn ihr soetwas gesehen hättet!

Allein in Bremen starben bei diesem Unwetter vier Menschen, zwei von ihnen am Hauptbahnhof. Die beiden Frauen wollten sich in einem Bus in Sicherheit bringen, und genau in dem Moment, als sie zum Bus liefen, stürzten riesige Betonbrocken vom Dach des Hotels "Zur Post " auf sie herunter.

Der härteste Spruch, den ich auch nicht vergessen habe, kam der von der Innenbehörde: Um 09:30 hieß es, Einsätze der Feuerwehr und der Polizei gäbe es nur noch zur Rettung von Menschenleben. Wie ernst muß die Lage damals gewesen sein!

Nun zu den Wetterdaten des Orkans: Um 09:30 hatten wir in Bremen am Flughafen ein Windmittel von BFT 11, mit Böen bis 156km/h, gemessen an der Station des Deutschen Wetterdienstes. Im nördlichen Bremen und anderswo war es mit Sicherheit mehr, wegen der engen Gassen, und des damit verbundenen Düseneffektes. Es wurde sogar von durch den Wind eingedrückten Windschutzscheiben bei parkenden Autos gesprochen, was auf deutlich stärkere Böen hindeutet, denn die halten ja auch den Höchstgeschwindigkeiten des Fahrzeugs bei einer Autobahnfahrt mühelos stand! Der Luftdruck fiel auf 956Hpa, was für Bremen ein neuer Rekord war. Der Druckanstieg nach dem Orkan war auch enorm: 22 Hektopascal in drei Stunden!

So, das war mein Erlebnisbericht zum Orkan am 13.11.1972. Ich hoffe er gefällt Euch. Übrigens: Dieser ungewöhnliche Orkan hatte auch etwas Positives, denn durch ihn habe ich mit dem Hobby "Wetter" begonnen, und bis heute betreibe ich es mit Begeisterung!

Eingesandt von  Volker Afflerbach  aus Bremen-Aumund am 12.1.2004

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