Sturmerfahrungen von Lesern
Mein Mann arbeitet zu viel, das steht für mich fest. Doch als Geschäftsführer hat er wahrscheinlich kaum eine andere Wahl. Da geht so manches Wochenende für die Firma drauf. Aber ich bin schon dankbar, wenn er wenigstens bei uns zu Hause sitzt und keine Zeit hat, denn oft reist er in der Welt herum und ist Tage oder Wochen lang viele Tausend Kilometer weit weg.

Unter solchen Umständen ist man schon sehr dankbar, wenn man es endlich einmal hinkriegt, ein paar Tage zusammen Urlaub zu machen. Und so sollte es Weihnachten 1999 sein: Einfach mal gar nicht an die Firma denken, sondern nur Ski fahren in den Alpen. Nicht dass wir schon Heilig Abend oder am ersten Weihnachtsfeiertag losfahren konnten. Wäre ja auch zu schön gewesen!

Aber immerhin: Am zweiten Weihnachtsfeiertag war es endlich so weit, und wir bewegten uns auf der Autobahn richtung Süden. Da schellte das Handy. Wieder jemand aus der Firma? Ein wichtiges und unvorhersehbares Ereignis? Urlaub in letzter Minute gefährdet?

Nein, es war mein Bruder. "Ich wollte euch nur warnen! Verschiebt bloß eure Reise! Da ist ein Orkan über Frankreich entstanden, der es in sich hat! So was hat es vielleicht noch nie gegeben!". "Komisch, wir haben eben Nachrichten gehört. Die haben davon gar nichts erzählt!". "Egal, die Sender sind vom Deutschen Wetterdienst abhängig, und der pennt wahrscheinlich mal wieder! Fahrt bloß nicht weiter! Ich kann im Internet genau verfolgen was passiert, und ich sage euch: Es wird verdammt gefährlich! Übernachtet in einem Hotel und fahrt morgen weiter!".

Mein Bruder ... . Ganz der Alte, wie es scheint! Schon als Kind hat er sich in fast ungesundem Maß für's Wetter interessiert, und irgendwie scheint ihn das Thema immer noch ziemlich in seinen Bann zu ziehen. So richtig ernst nehmen konnten wir seine Warnung nicht. Immerhin sind wir hier in Deutschland und nicht in Florida oder so. Wir bedankten uns für seinen Anruf und fuhren weiter.

Doch zu unserer großen Überraschung mussten wir dies später tatsächlich bereuen! Ziemlich plötzlich kam Sturm auf, wurde schnell heftiger, und irgendwann wurde selbst unsere Luxus-Limousine regelrecht durchgeschüttelt! Viele Autofahrer verloren den Mut, weiterzufahren. Sie fuhren Rastplätze an oder hielten auf dem Standstreifen. Wir konnten kaum glauben, wie intensiv sich die Bäume bewegten, und etliche sahen wir live umstürzen. Zum Glück legte sich keiner über unsere Fahrbahn, auf der wir mit fünfzig Stundenkilometern weitertuckerten. Irgendwann waren wir fast die Einzigen, die sich überhaupt noch trauten zu fahren.

Einmal mussten wir scharf bremsen. Ein Autofahrer war auf dem Standstreifen ausgestiegen, als ein unvorstellbar heftiger Windstoß ihn auf die Fahrbahn pustete! Wie schnell muss sich Luft bewegen, um einen erwachsenen Menschen zum wehrlosen Spielzeug zu machen? Später erfuhren wir aus den Nachrichten, dass Spitzenwindgeschwindigkeiten von weit über 200 km/h gemessen wurden! Unglaublich, hier bei uns in Deutschland!

Doch was war das? Auf einmal war der Wind vorbei, einfach so! Die Sonne schien, und rings um uns herum sahen wir düstere bis schwarze Wolken! Wenig später tobte der Orkan mit voller Gewalt weiter, aber diesmal aus der anderen Richtung! Hinterher wurde uns klar, was das bedeutete: Es war gar kein Orkan, wie wir ihn in Deutschland gelegentlich abbekommen. Nein, was wir da mitgemacht hatten, ist in anderen Teilen der Welt als "Hurrikan" oder "Taifun" bekannt und hat etwas, das man "Auge" nennt. Das ist eine wolken- und windfreie Zone mittendrin. Mein Bruder hat mir später ein Satellitenbild davon zugemailt. Man kann tatsächlich im Zentrum einer kompakten Wolkenscheibe ein scharf begrenztes Loch erkennen!

Wir sind heil angekommen. Nur die Beifahrertür unseres Autos hat eine dicke Beule abbekommen, als wir durch ein Dorf fuhren und uns eine große Mülltonne in die Seite donnerte. Ich bin in dem Moment vor Schreck kreidebleich geworden!

War dieser "deutsche Hurrikan" nun auf einen ungeheuren Zufall zurückzuführen, oder müssen wir uns in Zukunft an so etwas gewöhnen? Auf keinen Fall werden wir uns jedenfalls daran gewöhnen, dass man vor solchen Extremereignissen nicht rechtzeitig, eigentlich sogar gar nicht, gewarnt wird - jedenfalls nicht von denen, die dafür bezahlt werden!

Eingesandt aus Bielefeld am 27. Oktober 2001

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