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Jugendlicher Leichtsinn kostete mich fast das Leben! Februar 1980: Mit Freude beobachte ich, wie der Rhein auf seinen höchsten Stand seit zehn Jahren steigt. Ein Schulfreund und ich hatten gespannt auf ein solches Ereignis gewartet. Er war Hobbytaucher und hatte in einem Baggerloch ein Kajak vom Grund geholt. Das ernannten wir kurzer Hand zu unserem Eigentum und waren sehr stolz, nun ein eigenes Boot zu besitzen! Wie viele Jugendliche waren auch wir damals einfach nur doof und suchten spannende Abenteuer. Und zwar umso mehr, je öfter wir davor gewarnt wurden. Gefahren interessierten uns überhaupt nicht. Mit dem Kajak überschwemmtes Land zu durchpaddeln, während unzählige Menschen am Ufer stehen bleiben mussten, das hatte durchaus etwas von Abenteuer! Groß kamen wir uns vor! | |
| Es war ausgemacht, dass jeder zwei Stunden lang fahren durfte. Mein Schulfreund kreiste während dieser ganzen Zeit um einen überschwemmten Parkplatz. Mir genügte das nicht. Von vornherein hatte ich vor, den gesamten ungefähr zehn Quadratkilometer großen See, den das Hochwasser erzeugt hatte, zu erkunden. | ![]() |
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Begeistert setzte ich mich in das Miniboot und fuhr los. Nach einer Viertelstunde befand
ich mich in einem Wald und auf einem verlassenen Campingplatz. Hier erlebte ich etwas
ziemlich Unangenehmes: Vor einem Holzbungalow trieb ein großes quadratisches Brett.
Das ist nicht weiter schlimm. Doch dieses Brett diente ungefähr fünfzig Ratten als
Rettungsinsel! Ich bemerkte dies erst, als ich im Abstand von kaum einem Meter an
ihnen vorbei zog. Mir wurde sehr mulmig, zumal es schien, als setzten einige dieser
Tierchen zum Sprung an, um mir einen Besuch abzustatten! Minuten später passierte etwas wesentlich Schlimmeres: Ich befand mich auf einem Spazierweg, und von links strömte der Rhein mit großer Macht darüber. Bis dahin war ich ganz sicher, mit meinen nautischen Künsten jede Situation meistern zu können. Doch hier wurde ich eines Besseren belehrt: Die starke Strömung drückte mich quer gegen einen Baum. Für das Wasser war das Boot nun wie ein Staudamm, den es sofort überflutete. Das Kajak lief randvoll und stellte sich schräg. Mein Gewicht drückte es nun nach unten, und ich plumpste hinaus. Kaum zu glauben, aber ich hatte nicht die geringste Chance, dies zu verhindern! Erst Recht war ich erstaunt, als es mir nach dem Entleeren des Bootes nicht mehr gelang, hinein zu kommen! Ich war zu Fuß an eine ruhigere Stelle gelangt und dachte: "Einfach wieder hinein hüpfen, und dann schnell nach Hause!". Aber nichts da! Das Teil war bewegungsfreudig wie eine Spindel, und es blieb zum Verrecken nicht in einer stabilen Position. Nun wohnte "zum Glück" Verwandtschaft in der Nähe, direkt an der Autofähre nach Zons, "nur" 500 Meter von meinem Standort entfernt. Bis deutlich über die Knie im Wasser lief ich dort hin. Schon von Weitem sah ich meine Tante auf der Treppe des Hauses stehen, die zur Wohnung im ersten Stock führt. Das darunter gelegene Restaurant war überschwemmt. "Hallo! Ich bin mit dem Boot umgekippt!", sagte ich. Bis dahin hatte ich mir über die charakterlichen Qualitäten von Onkel und Tante nie Gedanken gemacht. Man kannte sich halt von Verwandtschaftstreffen, und als Kind hat man eben für manche Dinge keinen Blick. Doch nun war der Augenblick des kennen Lernens gekommen: "Dann mach mal schnell, dass du nach Hause kommst! Es wird bald dunkel!". Es war 14Uhr, und selbst im Februar wird es keineswegs um diese Zeit dunkel. Doch das war die Position der Tante zu der Frage, was man mit einem Neffen macht, der bei 2° völlig durchnässt des Weges kommt. Kein Anruf bei den Eltern, kein heißes Bad, nichts, was man unter der Überschrift "Menschlichkeit" erwähnen könnte. Später erfuhr ich aus mehreren Quellen, dass man sowohl diese Frau, als auch ihren Mann, gar nicht anders kenne. Wir haben uns seither nie wieder gesehen! | |
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Angesichts dieser ausgeprägten Barmherzigkeit blieb mir nichts Anderes übrig, als irgendwie aus eigener Kraft an's rettende Ufer zu kommen. Es gab ja damals noch kein Handy. Sonst hätte ich die tolle Gelegenheit nutzen können, zu testen, ob es auch nach einem Wasserbad noch funktioniert. |
| Die überschwemmte Landschaft kam mir auf einmal unendlich groß und bedrohlich vor! Jetzt endlich wurde mir bewußt, auf was ich mich da eingelassen hatte, und dass es durchaus nicht so beherrschbar war, wie ich bis dahin glauben wollte! Um nicht im Schlamm einzusinken, wählte ich asphaltierte Wege. Das konnte man zwar kaum "Abkürzung" nennen, doch es war sicher. |
| Nach längerem und recht anstrengendem Marsch durch das schmutzig-braune Rheinwasser gelange ich an eine Stelle, die nur ungefähr zehn Zentimeter hoch überflutet war. Nun konnte ich einen weiteren Einstiegsversuch wagen. Er gelang, weil der Boden einen genügend großen Widerstand bot und das Kajak am Drehen hinderte. Mit einigem Aufwand stieß ich mich in tieferes Wasser und konnte endlich wieder paddeln und also recht zügig vorwärts kommen. | ![]() |
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Noch ahnte ich nicht, dass mir an diesem Tag ein zweites Mal eine Begegnung mit
herzensguten Menschen bevorstand: Nur 300 Meter vom rettenden Ufer entfernt musste ich
zwischen zwei Inseln hindurch. Auf der einen befand sich nicht nur "Haus Bürgel", ein
altes Römerkastell, sondern auch eine Schar von Jägern. "Hau ab!", riefen sie mir zur
Begrüßung zu. "Ich bin umgekippt und total durchnässt! Ich muss schnellstens an Land!".
Doch was zählt schon das Leben eines Jugendlichen gegen das Wohlbefinden von Hoppelhäschen?
Die Jäger ließen mich nicht vorbei und drohten damit, mir ein Loch in's Boot zu schießen.
Begründung: Die Hasen auf der Nachbarinsel könnten sich durch mich gestört fühlen! Mir blieb keine andere Wahl, als einen Umweg von über einem Kilometer zu machen. Leider musste ich genau dort entlang, wo ich auf dem Hinweg gekentert war. Ich nahm meine ganze Kraft und Konzentration zusammen, um diese gefährliche Hürde zu nehmen. Doch ich scheiterte erneut. Unglaublich, die Strömung des Hochwasser führenden Rheins! Ich musste zu Fuß weiter. Das Wetter war inzwischen umgeschlagen: Statt Sonnenschein nun Schneeregen und kräftiger Wind. Außerdem wurde es nun tatsächlich dämmerig, und das Wasser wurde immer tiefer. Am Ende ging es mir bis über den Bauchnabel, und ich hatte große Mühe, weiterzukommen. Als ich am Ufer ankam, war es fast dunkel, und weit und breit war niemand mehr da, der sich das Hochwasser ansehen wollte. Mit letzter Kraft schleppte ich mich an Land und sank dort zusammen. Ich war völlig entkräftet, und die Kälte war kaum auszuhalten. Nach nur wenigen Minuten geschah das große Glück: Zwei Grundschüler wollten unbedingt noch mal nachschauen, ob das Wasser wieder ein paar Zentimeter gestiegen war. Als sie mich sahen, gerieten sie in helle Aufregung. Ich bat sie, bei einem nicht weit entfernt wohnenden Schulfreund zu klingeln. Wie die Feuerwehr flitzten sie mit ihren Fahrrädchen dort hin, und in unvorstellbar kurzer Zeit kamen mein Schulfreund und sein großer Bruder angerannt. Augenblicke später befand ich mich bei diesen Leuten in der Badewanne, und meine Eltern waren bereits angerufen worden und unterwegs, um mich abzuholen! Nie werde ich die Hilfsbereitschaft dieser Familie und der kleinen Schüler vergessen, denn ohne deren Einsatz hätte die Geschichte ein furchtbares Ende nehmen können! Jedenfalls steht fest, dass ich nach dem Erreichen des Ufers aus eigener Kraft nirgends mehr hätte hingehen können. Von diesem Tag an habe ich nie wieder so leichtsinnig gehandelt! Eingesandt aus Düsseldorf am 28.7.2001 |
| Erstaunlich: Der Autor hat vor seiner Paddeltour Fotos gemacht. Beim Kentern fiel der Fotoapparat in's Wasser und konnte erst nach einigen Minuten gefunden und geborgen werden. Dennoch ließ sich der Film später entwickeln, und nur das letzte Foto war deutlich beschädigt! |
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